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Mein Kampf gegen den Krebs

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Aufgeben ist keine Option

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August 2021

Der August wird so oder so ein wunderbarer Monat für uns. Die kirchliche Trauung unseres Sohnes ist für meine Frau und mich etwas ganz besonderes. All meine Anstrengungen zielen im Moment darauf ab, diesen Tag in so guter Verfassung wie möglich begehen zu können. Es gibt eben Momente, die kann man nicht beliebig wiederholen.

Am dritten Tag nach der 14. Gabe fängt die Mukositis langsam wieder an. Der Durchfall hat mich ziemlich geschafft. Ich habe den gestrigen Tag nahezu vollständig verschlafen. Den Durchfall konnte ich nur mit Medikamenten stoppen. Das Nasenbluten ist wieder ziemlich heftig. Immer öfter merke ich nicht einmal mehr, wenn die Nase anfängt zu bluten. Das ist mir sehr unangenehm, aber was will ich machen? Das Hin und Her mit den Zahnschmerzen geht auch munter weiter. Glücklicherweise sind die Schmerzen aber seit gestern nicht mehr so stark.

Am vierten Tag nach der Gabe bin ich vom Durchfall immer noch sehr erschöpft. Das Nasenbluten, das Tränen der Augen, die dicken Beine und die Mukositis steigern sich langsam. Ich bin mal gespannt, wie mir in Bezug auf die Mukositis und den Verdauungstrakt die selbstgemachten Kamillenbonbons helfen. Das Zahnweh ist im Moment nicht mehr so schlimm.

 

Unabhängig von mir dreht sich in der Familie fast alles um die bevorstehende Hochzeit unseres Sohnes. Seinen Junggesellenabschied hat er mitlerweile einigermaßen unbeschadet überstanden. Ich persönlich habe den großen Vorteil, dass ich mich aus allem ziemlich gut raushalten kann. Ich bin doch ziemlich schnell überfordert und kann, im Gegensatz zu früher, nicht wirklich den Überblick behalten.

Der fünfte Tag nach der Gabe beginnt wieder mit heftigem Durchfall. So ein Bauchschneiden im falschen Moment hat durchaus das Potenzial, einen für immer zu traumatisieren. Anscheinend haben die Medikamente nicht die Ursache des Durchfalls beseitigt, sondern nur das Symptom gelindert. Die restlichen Nebenwirkungen sind gegenüber gestern unverändert. Die Mukositis insgesamt hält sich noch sehr im Rahmen. Lediglich mein Geschmacksinn spielt immer mehr verrückt. Die einzigen Dinge, die noch so schmecken wie sie sollen, sind im Moment die Xylitol-Bonbons, Sardellenpaste und Bier. Ja, Bier. Auf Empfehlung meiner Schwester teilen meine Frau und ich uns seit einiger Zeit abends ein Fläschchen Jever Fun. Das ist ein alkoholfreies und auch zuckerfreies Bier, das lediglich 13 kcal hat. Einige der Inhaltsstoffe sollen zusätzlich sehr gut für die Leber sein und gegen Lebertumore wirken. Und da ich an der Leber auch eine dicke und fette Metastase habe, kann ich jetzt guten Gewissens jeden Tag ein Bierchen trinken.

Ansonsten habe ich den heutigen Tag begonnen, wie man typische deutsche Sommertage so beginnt. Also habe ich zuerst einmal ein schönes heißes Bad genommen, um überhaupt auf Betriebstemperatur zu kommen. Das hat mir nach den Strapazen der letzten Therapie und dem Durchfall sehr gutgetan. Richtig belebend. Also das, was belebend für mich bedeutet.

Der sechste Tag nach der Gabe beginnt ein wenig ruhiger als sein Vorgänger. Meine Bemühungen, den Durchfall auch ohne weitere Medikamente in den Griff zu bekommen, haben augenscheinlich funktioniert. Ich habe gestern lediglich ein paar Salzstängelchen, eine Hühnersuppe, Kamillentee und ein halbes Jever Fun zu mir genommen. Das waren die einzigen Lebensmittel, die mich nicht schon vom Ansehen her angeekelt haben. Aber selbst das bisschen Hühnerfleisch in der Suppe musste ich aussortieren. Mein Geschmacksinn spinnt im Moment völlig. Riechen tut für mich alles wie immer, aber der Geschmack ist dann trotzdem einfach fürchterlich. Das bringt meinen Kopf immer wieder maximal durcheinander. Insgesamt kann ich mich im Moment nur sehr schwer konzentrieren. Auch ein Grund dafür, dass ich im Moment kein Auto fahre.

Die Mukositis verhält sich dafür im Moment recht ruhig. Eigentlich lohnt die Erwähnung kaum. Aber dafür ärgern mich die Beine gestern und heute wieder deutlich mehr. Das Nasenbluten und das Tränen der Augen bleiben aktuell unverändert.

Eine Woche nach der Gabe hat nun der Durchfall den Staffelstab an die Mukositis weitergegeben. Die Ruhe im Bauch ist vielleicht noch etwas trügerisch. Der Tag wird es zeigen. Dafür ist heute Nacht wieder die Zunge an ihrer altbekannten Lieblingsstelle aufgerissen. Damit beginnen wieder die zwei bis drei Spaghetti mit grünem Pesto Tage. Glücklicherweise schmeckt das wenigstens wie gewohnt.

Die anderen Nebenwirkungen bleiben unverändert auf relativ hohem Niveau. Insgesamt muss ich leider zum wiederholten Male feststellen, dass mich die Therapie von Mal zu Mal ein kleines bisschen mehr belastet. Aber auch dafür werde ich eine Lösung finden. Jetzt schaue ich erst einmal, dass ich die, durch den Durchfall und den damit verbundenen Flüssigkeitsverlust, verlorene Energie wieder zurückbekomme.

Leider unterstützt das Wetter mein Vorhaben nicht wirklich. Am besten wären für mich jetzt ein paar warme Sonnentage, an denen ich ohne zu frieren und nass zu werden, so viel wie möglich draußen sein kann. Aber da die Politik zum Jahresanfang mit der CO2-Steuererhöhung anscheinend beim Klimawandel erfolgreich den Rückwärtsgang eingelegt hat, sitze ich jetzt Anfang August morgens mit einer mollig warmen Jacke auf dem Balkon und musste sogar, zumindest für das Bad, die Heizsaison 2021/2022 schon eröffnen.

Deutsche Behörden,ein Fossil aus der Steinzeit in einer modernen Welt?

 

Dachte ich doch, das Thema Rente und Reha sei endgültig abgeschlossen, da bekomme ich heute mit der Post einen Bescheid, dass meine Reha-Maßnahme bewilligt sei und ich für drei Wochen nach Bad Sooden-Allendorf zu einer onkologischen Nachsorge kommen soll. Mir ist der Brief samt Umschlag spontan aus der Hand gefallen. Mein Reha-Antrag, zu dem mich die Krankenkasse gezwungen hat, wurde in einen Rentenantrag umgedeutet, den ich dann extra noch stellen musste. Also bin ich davon ausgegangen, dass damit das Thema Reha erledigt ist, zumal wohl mehrere Gutachter die Sinnhaftigkeit einer Reha-Maßnahme klar verneint haben.

 

Aber da habe ich mich anscheinend geirrt. Ich habe natürlich sofort bei der Rentenversicherung angerufen. Dort hatte ich eine zwar nette, aber doch eher etwas hilflos wirkende Mitarbeiterin am Telefon. Sie hat mir eigentlich nur klargemacht, dass sie nur im Homeoffice sei und damit nicht in meine Akte schauen könnte. HALLO, Homeoffice 2021 und sie kann nicht in meine Akte sehen. Was für ein schlechter Scherz ist das? Da hat wohl jemand das Diensttablett mit der Schiefertafel seines Kindergartenkindes verwechselt. Na ja, wenigstens stand ihr ein Telefon zur Verfügung. Somit erschöpfte sich die Unterstützung ihrerseits auch in der Empfehlung, doch einfach einen Zweizeiler an die Rentenversicherung zu schreiben.

 

Dass ich vorsorglich mehr als zwei Zeilen geschrieben und auch sofort noch zur Post gebracht habe, brauche ich wahrscheinlich nicht extra zu erwähnen. Ich hatte schon im Antrag deutlich hervorgehoben, dass ich zu dem Antrag gezwungen wurde und in absehbarer Zeit keinesfalls an einer Reha-Maßnahme teilnehmen werde. Die Gründe sind einfach:

1. Meine Therapie darf derzeit nicht unterbrochen werden

2. Ich kann keine medizinischen Masken tragen

3. Das zusätzliche und unnötige Ansteckungsrisiko durch viele neue Kontakte

4. Meine Frau und ich möchten nicht voneinander getrennt werden

Medizinisch ist ebenfalls keinerlei Vorteil für mich zu erwarten. Von daher macht für mich eine Reha im Moment einfach keinen Sinn. Ich hoffe, dass ich innerhalb der nächsten zwei bis drei Wochen eine Antwort erhalte, in der die Rentenversicherung Abstand von dieser Maßnahme nimmt.

Am achten Tag nach der letzten Gabe ist die Mukositis noch ein wenig heftiger geworden und wird seit der Nacht von einem deutlich angeschwollenem und schmerzenden Gaumen begleitet. Bisher waren das in der letzten Zeit immer nur Tagesereignisse. Ich will mal hoffen, dass dies so bleibt. Die anderen Nebenwirkungen sind unverändert. Das Einzige, was noch deutlich schlechter geworden ist, ist das Wetter.

Der neunte Tag nach der Gabe bringt etwas Entspannung. Das Nasenbluten ist etwas weniger geworden, die starken Zahnschmerzen sind fast verschwunden, der Gaumen ist fast vollständig abgeschwollen und der Riss in der Zunge heilt langsam wieder zu. Auch der Bauch hält weiterhin Ruhe. Er überrascht mich zwar hie und da mit lauten Geräuschen, aber insgesamt verdaut er wieder so, wie er soll. Ich hoffe sehr, dass dieser positive Trend sich fortsetzt. Ich möchte doch bis nächsten Samstag so fit wie nur möglich sein. Dieser Tag wird mir viel abverlangen und ich möchte nicht mitten in der Feier einschlafen.

Tag zwölf nach der Gabe wird, zumindest am frühen Morgen, wieder einmal von Zahnschmerzen dominiert. Das Nasenbluten ist nach wie vor recht heftig. Das Augentränen und die dicken Beine sind wieder auf "normalem" Niveau. Die Mukositis selbst ist weiter auf dem Rückzug. Die Zunge ist nur noch wenig geschwollen und wieder vollständig geschlossen, aber der Geschmacksinn spielt immer noch verrückt.

Was mich heute aber am meisten belastet, ist wie die Behörden und die Politik im Flutkatastrophengebiet an der Ahr agieren, oder besser gesagt nicht agieren. Es ist eine absolute Schande. Fast fünf Wochen nach der Katastrophe sind es nach wie vor in vielen Orten fast ausschließlich Landwirte und Bauunternehmer aus dem ganzen Land, die die gesamten Aufräumarbeiten auf eigene Faust und Kosten stemmen. Die Krisenstäbe scheinen nach den Schilderungen der Helfer und Überlebenden Vorort oft nicht wirklich hilfreich zu sein.

 

Anscheinend sind einigen Zuständigen in den Behörden und den Landesregierungen die Flutopfer völlig egal. Hauptsache man kann sein eigenes offenkundiges Versagen (auch schon im Vorfeld der Flut) kleinreden, nur um den eigenen Job irgendwie zu retten. Wenn ihr eine wirkliche Vorstellung der Lage haben möchtet, solltet ihr euch nicht nur bei ARD, ZDF und Co. informieren. Schaut euch bitte auch einige der Videos von Markus Wipperfürth auf Youtube an.

Politisch und strukturell gibt unser Land leider gar kein gutes Bild ab und wer glaubt, ihn betreffe das nicht, weil er nicht zu den Flutopfern gehöre und er weit genug von irgendwelchen Flüssen leben würde, täuscht sich leider. Es kann sich jederzeit und überall eine Katastrophe ereignen. Sei es ein Unfall mit Gefahrengütern, ein Flugzeugabsturz oder der bereits angekündigte Blackout.

Menschlich dagegen ist es einfach sensationell, wie viele tolle Menschen in unserem Land leben. Diese riesige Welle selbstloser Hilfsbereitschaft ist einfach unfassbar. Vor allem Bauern und Bauunternehmer aus dem ganzen Land haben spontan ihre Felder und Firmen alleine gelassen und sind mit ihrem Fuhr- und Maschinenpark an die Ahr gefahren, um zu retten und zu helfen. Wo der Staat schändlichst versagt hat, hat der deutsche Mittelstand auf beeindruckendste Weise gezeigt, was er fachlich und menschlich drauf hat. Hier gefährden Bauern und Unternehmer ihre eigene Existenz, nur um den Flutopfern schnellstmöglich zu helfen. Ich ziehe vor jedem von ihnen meinen Hut und hoffe, dass es unsere Behörden wenigstens schaffen, ihnen die Kosten zu ersetzen. Aber ich befürchte aus Erfahrung, dass dies nicht (so schnell) geschehen wird.

Der 15. Tag nach der Gabe ist der letzte Tag vor der Hochzeit. Die Nebenwirkungen sind, bis auf die wechselnden Zahnschmerzen und den gestern noch einmal kurz aufflackernden Durchfall, auf dem gewohnten Niveau und erträglich. Gestern kam schon unser Freund aus Norwegen bei uns an. Er hat die weite Reise auf sich genommen, nur um an der Hochzeit teilzunehmen. Das freut uns riesig. In Norwegen hat er ein nettes kleines Häuschen direkt am Meer. Der Fußweg von seinem weißen Holzhaus bis zum mehr beträgt etwa ganze zehn Meter. Leider habe ich es in den mittlerweile 15 Jahren, die er bereits in Norwegen lebt, nur einmal geschafft, ihn zu besuchen und das leider auch nur sehr kurz. Die Gegend dort ist atemberaubend schön. Umso mehr werden wir die nächsten Tage zusammen genießen, über die alten Zeiten schwätzen und wie immer viel Unfug machen. In den nächsten Tagen wird daher die Seite wohl ein wenig zu kurz kommen. Die Hochzeit und der Besuch unseres Freundes füllen mich derart aus, dass ich keine Zeit und wahrscheinlich auch keine Lust haben werde, mich dann auch noch an den PC zu setzen. Das Leben ist wichtiger.

Heute ist der 17. Tag nach der 14. Gabe und schon ist die Hochzeit meines Sohnes auch schon vorbei. Es war ein wunderschöner Traugottesdienst und anschließend ein ebenso wunderschönes Fest. Leider dürfen in der heutigen Zeit nicht so viele Menschen gleichzeitig in die Kirche wie wir uns gewünscht haben, aber wenigstens der Großteil der Familie konnte an der Trauung teilnehmen. Auf dem Kirchplatz wurde dann das Brautpaar noch von Freunden, Nachbarn und Kollegen empfangen. Die Fußballer standen für die beiden Spalier. Nach einem Sektempfang und ein paar kleinen Spielchen ging es dann im Autokorso zur Feier. Das Brautpaar wurde von einem guten Freund in einem liebevoll restaurierten und ebenso geschmückten VW-Käfer Baujahr 1955 zur Feier gefahren. Ich gehöre ja zu der Generation, die den Käfer noch aus dem Alltagsleben kennt. Dieses wunderbare Gefährt sieht nicht nur super aus, es riecht sogar genauso, wie ich es aus meiner Kindheit in Erinnerung habe.

Ich selbst habe Gottesdienst und Feier nicht nur gut vertragen und ausgehalten, sondern ich habe beides in vollen Zügen genossen. Die Feier sogar bis in den frühen Sonntagmorgen. Erst als die Musik für die Ohren meiner Frau und mir zu laut und ungewohnt wurde, haben wir uns gegen 2 Uhr morgens auf den Heimweg gemacht. Ich war dann noch so aufgedreht, dass ich mich erst kurz vor 4 Uhr hingelegt habe. Um 7 Uhr hatte ich dann schon wieder ausgeschlafen. Was so ein bisschen Adrenalin im Blut so alles ausmacht.

Meine Nebenwirkungen konnte ich den ganzen Tag über vollkommen ausblenden. Das Tränen der Augen während der Trauung in der Kirche hatte absolut nichts mit der Therapie zu tun. Mich überkamen derart viele Gefühle, vor allem Dankbarkeit, dass ich ein ganzes Päckchen Taschentücher gebraucht habe. Auch heute geht es mir richtig gut. Ich brauche wohl noch ein paar Tage, bis ich das alles verarbeitet habe. Es waren so viele Eindrücke und so viele liebe Menschen, die wir gestern kennenlernen durften, da muss ich für mich erst noch ein bisschen Ordnung in meine Gedanken bringen.

Am 19. Tag nach der Gabe halten sich die Nebenwirkungen außer dem Augentränen im Rahmen. Allerdings kommt heute langsam wieder etwas Zahnweh auf. Per saldo kann ich aber festhalten, dass die Hochzeit für mich ein riesiger Motivationsschub ist. Ich fühle mich so stark wie schon lange nicht mehr.

Was so alles passieren kann ...


Was für ein verrückter Tag. Wegen der 15. Gabe der zweiten Therapie konnte ich heute meinen Freund nicht zum Flughafen fahren, Aber eine andere Bekannte von ihm konnte das glücklicherweise übernehmen. Wir kamen zur Klinik richtig gut durch und ich habe die Poolposition mit der Wartenummer 2 nur knapp verpasst. Die Blutabnahme ging wie gewohnt sehr schnell. Kurz vor 11 Uhr hatte ich dann auch schon mein Arztgespräch. Ich konnte alle Fragen loswerden, die sich bei mir in den letzten Wochen so angesammelt haben. Per saldo geht es erst einmal weiter wie bisher. Diese Gabe noch und dann Ende September das nächste Kontroll-CT. Mein Arzt beendete das Gespräch mit dem Hinweis, dass er meine Blutwerte freigegeben und die Therapie schon bestellt hat. Sie werde dann gleich kommen. Also ab in den Wartebereich und weiter warten. Als ich um kurz nach 14 Uhr immer noch nicht aufgerufen wurde, habe ich bei den Schwestern mal nachgefragt. Schließlich wollen die spätestens um 17 Uhr Feierabend machen und da die Therapie 2 1/2 Stunden braucht, wurde es langsam knapp. Da hat sich dann herausgestellt, dass mein Arzt die Therapie leider mit dem falschen Datum bestellt hat. Ein kleiner Fehler mit großer Wirkung. Das bedeutet nämlich, dass wir über 200 km umsonst gefahren sind und ich über acht Stunden umsonst gewartet habe. Zusätzlich besteht mir jetzt das ganze Morgen noch einmal bevor. Wie begeistert wir davon sind, kann sich jeder selber denken. Den Termin, mein Büro auszuräumen, den ich gerne endlich hinter mich gebracht hätte, musste ich jetzt auch verschieben. Alles nicht dramatisch, aber doch irgendwie ärgerlich.

Der zweite Anlauf, die 15. Gabe tatsächlich zu bekommen, verlief erfolgreich. Gegen 8.30 Uhr sind wir losgefahren und gegen 14 Uhr waren wir wieder zu Hause. So schnell dürfte es gerne immer gehen. Im August stehen jetzt erst einmal keine weiteren Arzttermine an. Das Kontroll-CT wird erst am 21.09. sein. Ein früherer Termin war leider nicht möglich. Der Befund soll mir am 23.09. vorliegen. Der nächste Hausarzttermin ist am 2.09. für die B12-Spritze. Ein Weiterer wird vor dem 21.09. für die Blutwerte für das CT noch dazukommen.

Einen wichtigen Termin wird es aber im August noch geben. Ich muss mein Büro noch ausräumen. Das wird, wenn nicht wieder etwas dazwischen kommt, nächste Woche geschehen. Das wird für mich ziemlich emotional. Ich habe meine Arbeit bis zum letzten Tag geliebt. Der Umgang mit Kollegen und Kunden fehlt mir sehr, genauso wie die Bestätigung, die ich daraus bezogen habe. Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für mich. Mal schauen, ob ich es hinbekomme, dass der auch über vier Jahrzehnte andauert.

Am Beginn des ersten Tages nach der 15. Gabe der Therapie sind die Nebenwirkungen noch unverändert. Allerdings spüre ich im Mund und der Zunge schon wieder dieses Kribbeln, das man nie mehr vergisst. Die Augen tränen mittlerweile nahezu ununterbrochen, aber das hat mit der Gabe selbst nichts zu tun. Leider verspüre ich auch in Verdauungstrakt wieder Veränderungen, die mich nichts Gutes erwarten lassen.

Ich bin aber diesmal besser vorbereitet und habe mir zusätzlich zum Imodium auch Elektrolyte besorgt. Die ersten zwei Tage werde ich aber versuchen, ohne Medikamente auszukommen. Ich vermeide das, wo es nur geht. Mein Körper ist durch die Therapie ausreichend belastet, da muss ich nicht wegen jeder Kleinigkeit noch was einwerfen. Genauso verzichte ich auch so lange wie nur irgend möglich bei den Zahnschmerzen auf Schmerzmittel. Jedes Medikament kann für mich im Moment ungewollte und ungewohnte Nebenwirkungen haben. Außerdem vermeide ich alles, was meine Leber und die Nieren zusätzlich belasten könnte. Ich bin schließlich heilfroh, dass diese Organe im Moment noch zu 100 % funktionieren. Das soll auch so bleiben.

 

Am zweiten Tag nach der Gabe haben sich die Nebenwirkungen noch nicht weiter verschlimmert. Auch der sich ankündigende Durchfall ist bisher glücklicherweise ausgeblieben. Da werde ich wohl auf den Zwieback vorerst verzichten müssen. Auch die Salzstangen bleiben erst einmal im Schrank.

Dafür habe ich anscheinend eine neue, wenn auch bisher kleine Baustelle dazu bekommen. Zur Hochzeit habe ich den ganzen Tag neue Schuhe getragen. An der großen Zehe fühlte sich das am Tag danach an, als wenn ich mir eine kleine Blase gelaufen hätte. Aber das ist nicht der Fall. Anscheinend handelt es sich da, ebenso wie bei den Zahnschmerzen, um einen Angriff der Therapie auf die Nerven. Aus dem Gefühl, eine kleine Blase zu haben, ist nämlich ein leichtes Taubheitsgefühl geworden. Mal sehen, ob ich das wieder wegbekomme.

Am dritten Tag beginnt die Mukositis so langsam wieder. Die Zunge schwillt langsam wieder an und der Geschmacksinn wird wieder immer mehr beeinträchtigt. Aufgerissen ist die Zunge aber bisher noch nicht. Das Taubheitsgefühl am rechten Fuß wird nicht weniger, eher etwas stärker. Aber es ist noch zu früh, dass abschließend zu bewerten. Das Augentränen nervt mich immer mehr. Selbst im Bett oder am Schreibtisch tränen die Augen mittlerweile nahezu ununterbrochen. Mittlerweile ärgert mich das weniger wegen der laufenden Nase, sondern weil ich oft kaum noch richtig sehen kann. Vieles ist für mich dann durch die Tränen nur noch verschwommen wahrnehmbar. Selbst beim Autofahren trage ich mittlerweile die wunderschöne Laborbrille, um Zugluft zu vermeiden. Aber egal, das bekomme ich alles in den Griff.

Das Wetter war heute ziemlich durchmischt und wegen der vielen spontanen Regengüsse für mich weniger für Radtouren oder Spaziergänge geeignet. Morgen soll das etwas anders werden. Wir werden versuchen, das auszunutzen und mal an den Rhein fahren. Während der Woche hält sich da der Betrieb auch im Rahmen und überfordert mich hoffentlich nicht.

Tag vier nach der Gabe beginnt ohne große Überraschungen. Die Mukositis verstärkt sich langsam weiter, das Tränen der Augen findet wie gewohnt kein Ende und die Nase blutet wieder etwas häufiger und intensiver. Zu dem Taubheitsgefühl im rechten Fuß muss ich heute leider ergänzen, dass es im linken Fuß jetzt auch anfängt. An beiden Füßen ausgehend von der Mitte des Fußballens.

Unabhängig davon habe ich aber trotzdem alle Vorbereitungen für einen Ausflug getroffen. Der Radträger ist montiert und es kann gleich losgehen. Ich habe nicht vor, mich von den Nebenwirkungen davon abbringen zu lassen. Zu selten sind die Tage, wo es von der Zeit und dem Wetter her für uns passt. Außerdem, alles was mich unterwegs ärgert und mir wehtut, würde das zu Hause ja auch machen. Also kann ich nur gewinnen, wenn ich meinen Hintern trotz allem in Bewegung setze.

Am Abend des vierten Tages bin ich ganz stolz darauf, dass wir eine Tour von guten dreißig Kilometern durch den Rheingau gemacht haben. Von Eltville nach Rüdesheim und zurück. Meine Frau hat auf der Strecke nahezu null Akku verbraucht, ich gut die Hälfte. Der Gegenwind auf dem Rückweg war so heftig wie an der Nordsee. Da ist mir ein Fortkommen ohne ordentliche Unterstützung (3 von 5) nicht mehr möglich gewesen. Meine Frau macht das locker, einfach so. Zum Abschluss haben wir uns dann jeder ein alkoholfreies Weizen gegönnt und eine Portion Kibbeling mit Krautsalat geteilt. Ein wunderschöner Tag. Ich bin so glücklich und dankbar, dass ich all das noch machen kann.

Die Baustelle bei uns vorm Haus nimmt auch immer größere Formen an. Eines Tages wird es uns wahrscheinlich gar nicht mehr möglich sein, das Haus zu verlassen. Bis jetzt haben uns die Arbeiter aber immer noch ein kleines Schlupfloch gelassen. Die Reihenfolge der Arbeiten sind für uns in keiner Weise nachvollziehbar. Da werden Gräben gegraben, um sie sofort wieder zuzuschütten und Schulwege erst gesperrt, wenn die Schule wieder anfängt. Da wird wohl nicht geplant, sondern gewürfelt.

Den fünften Tag nach der Gabe haben wir etwas ruhiger angehen lassen. Die Nebenwirkungen sind gegenüber gestern unverändert. Wir haben das schöne Wetter und die derzeit gelockerten Coronavorschriften genutzt, um noch einmal Einkaufen und Bummeln zu gehen. Wir haben uns dafür Limburg ausgesucht. Für mich war das anstrengender als die Radtour gestern. Aber wenn man überall wieder nur mit negativem Test oder gar geimpft unterwegs sein darf, werde ich so schnell keine Geschäfte mehr betreten.

Der sechste Tag nach der Gabe ist dominiert von Müdigkeit, wechselhaftem Wetter und einer nun doch aufgerissenen Zunge. Das Tränen der Augen wird immer nerviger. Selbst in geschlossenen Räumen hört es kaum noch auf. Aber sonst ist alles gut.


Ein Abschied für immer ...

Ein bisschen Bauchweh habe ich wegen meiner notwendigen Kündigung und vor morgen. Ich werde am frühen Nachmittag mein Büro ausräumen. Ich komme zwar, wenn außer einem besonders lieben Kollegen niemand mehr da ist, aber das ist schon ein sehr merkwürdiges Gefühl. Auch das Formulieren der Kündigung war für mich nicht leicht. Die Bank war für mich über vierzig Jahre wie eine zweite Familie. In und durch sie bin ich erwachsen geworden. Als ich mit 16 Jahren meine Ausbildung startete, war ich ein total naiver Bub mit ein bisschen Flaum auf der Oberlippe. Ich stamme aus einer sehr wohlbehüteten Familie und habe in der Bank die Welt vollkommen neu kennengelernt. Die meiste Zeit habe ich mich sehr wohl gefühlt, hatte super Kollegen und Vorgesetzte. Nur in einer relativ kleinen Zeitspanne von etwa fünf Jahren war das mal anders. Da hatte ich einen Chef, dem man mit einer langjährigen Therapie mit Sicherheit mehr geholfen hätte als mit einem Arbeitsplatz. Aber gerade in dieser Zeit bin ich sehr gereift und zu einem Kämpfer (für das Gute) geworden. So kommt mir heute auch diese Zeit zu Gute.

Am Tag sieben nach der Gabe ist die Zunge immer noch an ihrer Lieblingsstelle aufgerissen. Seit gestern Abend gibt es erst einmal nur Spaghetti mit grünem Pesto. Die Zunge ist im Moment stark angeschwollen, das Schlucken verursacht diesmal deutlich stärkere Schmerzen und das Taubheitsgefühl in beiden Füßen weitet sich weiter leicht aus. Das Tränen der Augen bleibt auf sehr hohem Niveau, das Nasenbluten hat ein klein wenig nachgelassen. Die Beine sind unverändert dick.

Im Moment lautet mein Fazit, dass jetzt die Zeit gekommen zu sein scheint, ab der die aktuelle Therapie mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Bis zum CT Ende September hat mein Körper jetzt Zeit, sich zu erholen. Ich werde das ganz genau beobachten und meine Erkenntnisse und Bedenken mit in das nächste Arztgespräch nehmen. Mir scheint die Zeit gekommen, Veränderungen herbeizuführen und neue Wege zu gehen.

Jetzt ist es geschafft. Ich habe heute mit meiner Frau meine persönlichen Sachen aus dem Büro geholt. Ein kleiner Rucksack, ein kleines Täschchen, einige große Bilder und ein Sakko in einer Größe, dass mir hoffentlich nie wieder passen wird. Mein Kollege war so lieb und hat uns ermöglicht, dass wir nach Dienstschluss kommen konnten. Es ist mir aber lange nicht so schwergefallen, wie ich dachte. Anscheinend habe ich tatsächlich in den letzten Nächten das alles schon in meinen Träumen verarbeitet. Damit ist eines der längsten Kapitel in meinen Leben abgeschlossen. Einfach so ...

Am 8. Tag nach der Gabe hat es die Mukositis geschafft, noch eine Schippe draufzulegen. Jetzt ist auch die Unterlippe auf der Innenseite aufgerissen und angeschwollen. Gleichzeitig habe ich auch da jetzt ein leichtes Taubheitsgefühl. Die Taubheitsgefühle in beiden Füßen haben ebenfalls noch ein wenig zugenommen. In den Händen bahnt sich auch so etwas an, aber noch ganz zart. Das Tränen der Augen ist nach wie vor heftig. Das Nasenbluten hat sich etwas beruhigt, aber die Beine sind wieder richtig dick.

Ich habe mich entschlossen, mit Basenbädern und Basenfußbädern diesen Entwicklungen zu versuchen, etwas entgegenzuwirken. Keine Ahnung, ob es etwas bringt, schaden kann es jedenfalls nicht. Das erste Vollbad hab ich heute Morgen genommen. Das Augustwetter lädt einen dieses Jahr durchaus zu heißen Bädern ein. Ich habe das Bad zuerst als sehr entspannend empfunden. Kurze Zeit danach war ich aber fertig, als wäre ich mit Reinhold Messner um die Wette auf den Mount Everest gestiegen.

Tag 10 nach der Gabe bringt in Hinsicht auf die Mukositis erste Entspannung. Ein sehr angenehmes Gefühl. Bisher hatte ich glücklicherweise auch noch keine heftigen Zahnschmerzen. Hoffentlich bleibt das auch so. Die Beine sind aber noch sehr dick, die Augen tränen was das Zeug hält und die Taubheitsgefühle in den beiden Füßen bleiben unverändert. In den Händen und auch der Unterlippe scheint es leicht besser zu werden. Insgesamt ist das für einen Montag schon mal nicht schlecht.

Heute ist der elfte Tag nach der letzten Gabe. Die Mukositis scheint sich weiter etwas zu beruhigen. Dafür kündigen sich gerade auf der rechten Seite Zahnschmerzen an. Mittlerweile ist es schon öfter vorgekommen, dass das Nasenbluten ungewöhnlich lange anhält. Heute Morgen konnte ich es über eine Stunde nicht stoppen. Mir blieb nur, mir eine Schüssel unterzuhalten, denn wenn ich den Kopf nach hinten neige, läuft alles den Rachen runter. Stopfe ich die Nase mit einem Taschentuch zu, passiert nach kurzer Zeit dasselbe. Das empfinde ich als extrem unangenehm.

Das Taubheitsgefühl in den Händen, der Unterlippe und den beiden Füßen hat sich nicht verändert. Weder zum Guten noch zum Schlechten. Dafür hat jetzt die Narbe meines Ports angefangen zu schmerzen. Noch ganz leicht, aber wir wissen ja mittlerweile, schlimmer geht immer. Ich werde bei nächster Gelegenheit meine Ärzte darauf ansprechen.

Katja Ebstein, Wunder gibt es immer wieder

Wenn's nicht klappt: Ersatzlink

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Bilder aus dem August 2021

Jeden Tag geschehen Wunder. Wir müssen sie nur zulassen.