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Mein Kampf gegen den Krebs

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Aufgeben ist keine Option

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Mai 2020

Von den Terminen her wird der Mai für mich eher etwas ruhiger werden. Die nächste Therapie ist erst am 22. des Monats. Umso mehr freut es mich, dass mein Arbeitgeber mir die Möglichkeit zur Verfügung gestellt hat, mich mittels eines Laptops beruflich auf dem Laufenden zu halten. Mein Bereich, das Electronic Banking, zeichnet sich jeher durch eine gewisse Schnelllebigkeit aus. Daher ist es für mich besonders angenehm, bestimmte Informationsquellen anzapfen zu können. Außerdem gibt es mir das sehr gute Gefühl, wieder ein kleines Stückchen näher an meine "alte Normalität" gekommen zu sein. Wenn hier in den nächsten Tagen dann nicht so viel Neues zu lesen sein wird, liegt das schlicht daran, dass ich spazieren bin oder mich in irgendwelchen Bankingforen rumtreibe.

Heute, fünf Tage nach der letzten Immun- und Chemotherapie, geht es mir körperlich nach wie vor gut. Der Regen der letzten Tage hat nicht nur der Natur, sondern auch mir gutgetan. Mein Heuschnupfen ist im Moment vollständig verschwunden. Ich fühle mich etwas müder als sonst, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass eine ganz liebe Tante von mir verstorben ist. So schwelge ich im Moment ohne Ende in Erinnerungen.

Meine Tante war, ganz besonders in den letzten Monaten, ein großes Vorbild für mich. Diese kleine und zierliche Person hat seit Jahrzehnten ihre verschiedenen Erkrankungen, die leider auch immer mit sehr starken Schmerzen verbunden waren, tapfer bekämpft und nie die Zuversicht und ihre gute Laune verloren. Diese Kraft und diesen Willen habe ich mir auch sehr für mich gewünscht. Glücklicherweise durfte sie die letzten Stunden in einem Hospiz verbringen und konnte von ihren Kindern abwechselnd begleitet werden. Ich hoffe auch sehr, dass wir die Möglichkeit bekommen werden, an der Beerdigung teilzunehmen um gemeinsam mit der Familie zu trauern.
 

Mittlerweile ist die letzte Therapie zwölf Tage her. Ich kann mein Glück kaum fassen, denn nach wie vor habe ich keinerlei Probleme mit Nebenwirkungen. Meine Haarpracht wird zwar nach und nach etwas dünner, aber das ist ja nur ein kosmetisches Problem. Wenn es einem so gut geht, ist es plötzlich viel schwieriger, konsequent zu bleiben. So ertappe ich mich immer mal wieder dabei, das ich in Bezug auf die Essensauswahl, nicht mehr ganz so streng zu mir bin.

In anderen Bereichen bin ich aber nach wie vor kompromisslos. Man sollte es nicht glauben, aber obwohl ich jetzt bereits über ein halbes Jahr nicht mehr rauche, steigt von Tag zu Tag das Verlangen nach einer Zigarette. Dabei geht es definitiv nicht um das Nikotin. Es liegt eher an dem jahrzehntelang gut gepflegten Pausen- und Belohnungssystem, das einem als Raucher in Fleisch und Blut übergegangen ist. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich im Traum genussvoll ein oder zwei Zigarettchen rauche. Aber dabei belasse ich es dann auch.

Selbstheilung

Ein wichtiger Teil meiner Strategie ist die Förderung der Selbstheilungsprozesse. Genau genommen gibt es nur Selbstheilungsprozesse. Ein Arzt heilt ja nicht wirklich, sondern er hilft nur dem Körper bei der Selbstheilung. Lediglich chirurgische Eingriffe kann man da zum Teil ausnehmen. Aber verlieren wir uns nicht in Spitzfindigkeiten, sondern betrachten ganz grob das Grundlegende:

Wenn ein neues menschliches Leben gezeugt wird, teilt sich die befruchtete Zelle. Am Anfang sind alle Zellen absolut gleich. Alle Zellen enthalten auch dieselben Erbinformationen. Irgendwann kommt dann der Punkt, ab dem sich unterschiedlichste Zellen für die verschiedensten Aufgaben ausbilden. Wer oder was steuert das? Damit sind wir bei der Epigenetik. Beim Embryo gibt es anfangs ja weder Hirn noch Rückenmark. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die Steuerung über die Verbindung zur Mutter erfolgt. Wenn dem so ist, geschieht die Steuerung durch die Mutter unbewusst, denn vor der 12 Woche wissen die wenigsten Frauen, dass sie schwanger sind. Aber auch später erneuert sich unser Körper unaufhörlich. Das steuert auch keiner von uns bewusst. Wenn wir davon ausgehen, dass die Steuerung nicht von außen (z. B. göttliche Einflussnahme) erfolgt, bleibt nur unser Unterbewusstsein als mögliche Instanz. Daher gehe ich davon aus, dass unser Unterbewusstsein auch für die Selbstheilung des Körpers verantwortlich ist. 

Das möchte ich mir zu Nutzen machen. Ich versuche mein Unterbewusstsein mithilfe von Suggestionen zu programmieren. Das Angenehme daran ist, das funktioniert im Schlaf. Die Suggestionen gibt es für fast jedes seelische Defizit und jedes körperliche Zipperlein auf YouTube zu finden.  Weiter unten auf dieser Seite habe ich einige zusammengestellt. Ich habe mir auf dem Smartphone eine Playlist für die Nacht zusammengestellt. Sie enthält eine mit Musik unterlegte, hypnoseähnliche Suggestion, eine instrumentale Entspannungsmusik, eine gesprochene Suggestion ohne Musik und ein für mich motivierendes Lied. Diese Playlist höre ich nicht nur zum Einschlafen. Ich habe einen ganz tollen Kopfhörer geschenkt bekommen. Der ist wie ein Stirnband gemacht und stört auch nicht, wenn man wie ich, ein Seitenschläfer ist. Daher kann ich die Playlist die ganze Nacht in Dauerschleife laufen lassen.  Das Lied wechsel ich manchmal. Alles andere ist seit Anfang an unverändert, damit es sich möglichst tief in mein Unterbewusstsein einbrennt. Die stete Wiederholung macht den Erfolg.  Natürlich kann ich die Erfolge nicht objektiv messen, aber ich habe das gute Gefühl, dass es mir persönlich guttut und weiterhilft.

Neues Trainingsprogramm

Da Sport an der frischen Luft für mein Immunsystem sehr wichtig ist, ich aber nur eingeschränkt leistungsfähig bin, haben meine Frau und ich uns Pedelecs gekauft. Da die ca. tausend Euro extra für den Einbau einer Anhängerkupplung und einen Fahrradträger bei keinem unserer alten Autos Sinn machen würde, haben wir uns für Falträder entschieden.  Wir sind zum Hersteller gefahren um eine Probefahrt zu machen. Wir waren auf Anhieb so begeistert, dass wir gleich zwei Räder mitgenommen haben. Die passen zusammen genau auf die Rückbank unserer Autos. So bleibt sogar der Kofferraum frei. 

Wir sind jetzt "Mobilisten" und haben unsere erste kleine Tour schon unternommen. Es ist für mich ein ganz tolles Gefühl, selbst größere Steigungen problemlos bewältigen zu können. Das erhöht meine Mobilität ganz enorm und gibt mir im Moment einen richtigen Motivationsschub. Ich muss zugeben, ich freue mich wie ein kleines Kind.

Vergebung

Obwohl ich derzeit bei diesem herrlichen Sonnenschein am liebsten mit dem Rad unterwegs bin, beschäftigen mich weiterhin viele Themen. Eines davon ist Vergebung. Ich habe mir das früher nie so bewusst gemacht, aber hinter diesem Wort verbirgt sich eine ganze Philosophie. Vergebung ist keinesfalls gleichbedeutend mit vergessen, verdrängen oder relativieren. Vergebung heißt eigentlich nur, sich und anderen Fehler und/oder Untaten zu verzeihen, um sich von einer damit verbundenen (Seelen-) Last zu befreien. Oft ist es ganz besonders schwer, sich selbst zu verzeihen.

 

Ich nehme an, dass es jedem Menschen so geht wie mir. Ab und zu kommen einem z. B. Ereignisse aus der Kindheit oder Jugend in Erinnerung, wegen denen man dann Schuldgefühle verspürt. Schuld macht, genau wie Angst, krank. Beide Gefühle sind grundsätzlich für das Leben wichtig. Angst für das allgemeine Überleben und Schuldgefühle für das Sozialverhalten. 

Schuldgefühle können einen Menschen sehr belasten. Man macht sich oder anderen Vorwürfe. Oft sogar nur wegen Kleinigkeiten. All diese Dinge haben aber eine ganz wichtige Gemeinsamkeit. Sie liegen in der Vergangenheit. Warum ist das so wichtig? Ganz einfach, man kann sie nicht ungeschehen machen. Man muss, ob man will oder nicht, damit leben und umgehen lernen. Ganz einfach und simpel und oft doch so schwer.

Alles was wir getan haben und bereuen, können wir uns auch vergeben. Ohne Reue keine Vergebung. Das heißt vereinfacht, dass wir mithilfe unseres Gewissens mit der eigenen Fehlbarkeit umgehen lernen und uns dadurch weiterentwickeln.  Das fällt vielen Menschen sehr schwer und sie brauchen dazu Hilfe von außen. Am besten sind dann Freunde und Familie. Wer das nicht möchte oder hat, kann das Bußsakrament der Beichte der katholischen Kirche in Anspruch nehmen. Das hat sich in den letzten Jahrhunderten recht gut bewährt, ist aber nicht jedermanns Sache. Sonst bleibt nur noch ein Therapeut.

Runde Nr. 5

 

Wegen Christi Himmelfahrt findet meine Therapierunde erstmalig nicht an einem Donnerstag statt. Nachdem ich die vierte Runde vom 30.04. wieder vollständig ohne Nebenwirkungen vertragen habe, geht es am Freitag wieder los. Ich freue mich schon sehr darauf, empfinde es aber als sehr schade, dass es von meinem Wohnort keinen direkten Radweg zur Klinik gibt. Die 45 km würden mich nicht mehr abschrecken. Aber größere Strecken auf oder an viel befahrenen Bundesstraßen zu fahren, ist definitiv nicht meine Sache. So werde ich mich dann doch von meiner lieben Frau fahren lassen. 

So, es ist vollbracht. Die heutige Immun- und Chemotherapie habe ich wieder absolut problemlos überstanden. Ich möchte mich an dieser Stelle dafür bedanken, wie professionell die Nordwestklinik mit der Corona-Problematik und ihren Patienten umgeht. Ich fühle mich nach wie vor supergut und kompetent betreut und bin sehr dankbar, dass die Behandlung der Patienten in keiner Weise unter diesen verrückten Umständen leidet. Aus meiner Sicht wurde mit Weitblick, Engagement und Ideenreichtum auf die Veränderungen reagiert.

Ein wahrhaft wundervolles Leben

Heute, am Tag nach der Immun- und Chemotherapie Nr. 5, bin ich etwas müde und träge. Das dürfte aber mehr an dem regnerischen Wetter, als an der Therapie liegen. Ich sollte bei dem Wetter lieber nicht mit dem Rad fahren. Die Gefahr sich zu erkälten ist einfach zu groß. Die wenige Luft die ich bekomme, möchte ich dann doch lieber nicht zum Husten verschwenden. So nutze ich den Tag, um wieder an der Seite zu schreiben und in aller Ruhe meinen Gedanken nachzugehen.

Immer wenn ich die letzten Wochen und Monate Revue passieren lasse, wird mir immer mehr bewusst, wie viel Glück ich hatte. Zu viel Glück, um es nicht für ein Wunder zu halten. Ich fühle mich von Gott gerettet, auch wenn das für viele Menschen lächerlich klingen mag. Ich bin seit meiner frühen Kindheit ein religiöser Mensch. Ich muss aber ehrlich sein, mal mehr und  mal weniger.

 

Bereits als Kind durfte ich meine erste "Wunderheilung" erleben. Der Splitter einer geplatzten Glühbirne hat mir im linken Auge die Hornhaut in einem Winkel durchtrennt. Der behandelnde Professor hat meinen Eltern damals gesagt, dass sie zwar versuchen werden, das Auge zu retten, damit ich kein Glasauge brauche, aber sehen werde ich damit mit Sicherheit nicht mehr können. Gleichzeitig haben sie meine Eltern darauf vorbereitet, dass dies nur die Erste von vielen Operationen sein wird. Ich wurde operiert und bekam zum Ruhigstellen beide Augen für mehrere Tage verbunden. In dieser Zeit haben meine Eltern, Schwestern und ich viel gebetet. Schon als der Verband das erste Mal abgenommen wurde, konnte ich schwach sehen. Die Tests ergaben damals immerhin 10 % Sehkraft auf dem linken Auge. Bis ich das Krankenhaus verlassen habe, hatte ich schon wieder 90 % meiner Sehkraft wiedergewonnen. Der Professor konnte es nicht glauben und sprach damals selbst von einem Wunder. Bis heute gab es keine weitere OP.

Diese Zeit hat mich sehr geprägt. In jungen Jahren habe ich lange Zeit darüber nachgedacht, ob nicht das Leben in einer Ordensgemeinschaft für mich der richtige Lebensweg wäre. Ich habe damals in einem Dominikaner Noviziat mal für zwei Wochen "reingeschnuppert". Eine beeindruckende und unvergessliche Erfahrung. Dann habe ich, wie sich die meisten jetzt schon denken werden, meine Frau kennengelernt. Wir haben uns für einen gemeinsamen Lebensweg als Eheleute und Eltern entschieden. Eine gute Beziehung ist auch ein kleines Wunder. Ein Wunder, an dem beide arbeiten müssen, ein Leben lang. 

Die für mich größten Wunder waren jeweils die Geburten unserer beiden Söhne. Unfassbar tiefe, ergreifende und nur ganz schwer zu beschreibende Momente. Die Geburt des ersten Kindes ist für einen Mann mindestens so gravierend wie für eine Raupe die Transformation zum Schmetterling. Er ist jetzt Vater, plötzlich erwachsen. Er behält zwar sein Aussehen, aber innerlich hat sich im Moment der Geburt alles verändert. Er hat jetzt die anspruchsvollste Aufgabe, die ein Mann haben kann. Ein neues Leben zu schützen, zu versorgen, durch alle Widrigkeiten zu begleiten und zu einem aufrechten und glücklichen jungen Menschen zu formen. Für meine Frau ist das nicht anders, aber durch die Zeit der Schwangerschaft, hatte sie als Frau einen gewissen Vorsprung.

In den letzten Jahren hatte sich meine Religiosität stark verändert. Ich hatte früher in der katholischen Kirche eine feste Heimat, aber ich bin nach und nach ausgewandert. Die Institutionen der katholischen und auch der evangelischen Kirche lehne ich mittlerweile ab. Sie erscheinen mir im wahrsten Sinne des Wortes gottvergessen. Das hat im Laufe der Zeit dazu geführt, dass ich auch mein persönliches Verhältnis zu Gott vernachlässigt habe. Mir ist das bereits vor meiner Erkrankung bewusst geworden, aber ich habe nicht den Weg zurückgefunden. An dem Tag, an dem ich im Januar die Diagnose "Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium" bekam, habe ich abends in der Krankenhauskapelle so deutlich die Nähe Gottes gespürt, dass es mir ein bisschen unheimlich wurde. Es war das Gefühl, dass der Vater dem verlorenen Sohn zur Hilfe kommt. In tiefer Dankbarkeit habe ich diese ausgestreckte Hand angenommen. Ab diesem Moment hatte ich keine Angst und keine Sorgen mehr. Ich spürte eine schwere Last von meiner Seele fallen. Der Beginn meiner Heilung.

Ich finde den bisherigen Verlauf meiner Behandlung und Genesung unglaublich. Alles hat sich so glücklich zueinandergefügt. Sogar meine verschiedenen Bettnachbarn in Mainz waren für mich ein Geschenk. Sie haben mit mir ihre Leidensgeschichten geteilt und mich so viel lernen lassen. Von meiner wunderbaren Familie ganz zu schweigen. Was habe ich mich im Januar so schlecht gefühlt. Ich konnte kaum noch eine Treppe gehen. Duschen war eine Qual. Jeder Toilettengang eine Tortur. Wenn ich mir heute anschaue, was wir bisher erreicht haben, empfinde ich es tatsächlich schon als Wunder.

Bilder aus dem Mai 2020

 

Jeden Tag geschehen Wunder. Wir müssen sie nur zulassen.