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Mein Kampf gegen den Krebs

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Aufgeben ist keine Option

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November 2021

Heute ist der vierte Tag nach der 4. Gabe der 3. Therapie. Es geht mir unverändert. Da uns unser Auto mal wieder ein klein wenig Ärger macht, bin ich heute schon am frühen Morgen in die Werkstatt gefahren. Als meine liebe Frau am Freitag Einkaufen war, fingen plötzlich alle Warnlampen rund um das Thema Bremsen an zu leuchten. Das gibt keine guten Gefühle. Da ich aber mit  meinem Diagnosegerät den Fehler auslesen konnte und angeblich lediglich hinten links der Drehzahlmesser seine Dienste versagt, habe ich mich getraut, den sehr ebenen Weg in das Nachbardorf zur Werkstatt zu fahren. Dort habe ich das Auto abgegeben und mich zu Fuß auf den Heimweg gemacht. Das war von der Strecke für mich durchaus eine Herausforderung, aber es hat mir Spaß gemacht. Ich hatte auch das Glück, dass das Wetter mitgespielt hat. Kein einziger Tropfen Regen und vergleichsweise wenig Wind.

Der Weg führt mich an den Weiden vorbei, auf denen unsere Bekannten ihre wunderschönen Rinder (Blonde d'Aquitaine) weiden lassen. Der Weg führt mich also genau an meinen künftigen Rinderbraten und Rouladen vorbei. Nach etwas über einer Stunde Fußmarsch kam ich zu Hause an, wo endlich unsere Straße asphaltiert wird. Mit ein wenig Glück kann mich dann am Donnerstag der Krankentransport direkt vor der Haustür abholen.

Das mit dem Abholen vor der Haustür wird leider die nächsten Wochen noch nicht funktionieren. Grundsätzlich wäre es aufgrund der Beschaffenheit der Straße natürlich problemlos möglich. Es sind nur ein paar Absperrbaken, die das verunmöglichen. Obwohl ich ein nettes Gespräch mit dem Polier der Baustelle geführt habe, kann genau dieses Stück der Straße angeblich wegen des Straßenverkehrsamtes nicht freigegeben werden. Man hat das mir gegenüber auch sehr gut begründet:  "Wegen Blabla und Sowieso geht das halt in Deutschland nicht." Und wie wir alle Wissen, ist gegen dieses Argument, das in unserem Land bereits seit Jahren zum Standard gehört um Behördenwillkür und Unfähigkeit erfolgreich zu vertuschen und zu rechtfertigen, kein Kraut gewachsen. Es ist absolut erstaunlich wie man es in den letzten Jahren konsequent geschafft hat, auf nahezu allen Ebenen der öffentlichen Verwaltung und Behörden, Sachverstand und Bürgernahe durch gnadenlose Inkompetenz, Arroganz, Korruption und Ignoranz zu ersetzen.

Das möchte ich aber keinesfalls den Arbeitern hier Vorort anlasten. Ich konnte am Gesicht meines Gesprächspartners ablesen, dass er versuchen wird in den nächsten Tagen irgendeine "kleine" Lösung für uns zu finden.

Mein Taxi, dass mich heute Morgen für die 5. Gabe der 3. Therapie abgeholt hat, kam sehr pünktlich. Außerdem hat der Fahrer, der mich heute bereits zum dritten Mal gefahren hat, liebenswürdigerweise ein paar Minuten vor seiner Ankunft eine SMS geschickt, damit ich erst losgehe, wenn er auch gleich da ist. Das finde ich superlieb.

 

Der Ablauf in der Onkologie war wie bekannt. Blutabnahme und dann warten bis der Arzt kommt. Doch der kam heute nicht. Ich habe ihn zwar mal kurz aus der Ferne gesehen, aber er war ständig mit Notfällen beschäftigt. Da ich nächsten Donnerstag schon wieder in der Ambulanz bin, habe ich mich schweren Herzens damit abgefunden und nur die Therapie bekommen.

 

Die Therapie hat mich wieder sehr müde gemacht. Die meisten Nebenwirkungen haben sich nicht verändert. Es ist mal wieder die Atmung, die da eine kleine Ausnahme macht. Es fängt wieder an, etwas Schwieriger zu werden, bewegt sich aber noch ganz klar in einen gut erträglichen Bereich. Aber zumindest gefühlt würde ich sagen, der Wasserstand scheint langsam wieder etwas zuzulegen.

Am Tag nach der 5. Gabe der 3. Therapie geht es mir recht gut. Der Rücken macht wieder etwas mehr Probleme. Ich leuchte auch wieder schön rot im Gesicht. Trotzdem habe ich mich heute Morgen zu Fuß auf den Weg in das Nachbardorf gemacht, um unser Auto wieder abzuholen. Da bin ich eine gute Stunde unterwegs. An den Steigungen habe ich mich in der Tat ziemlich schwergetan, aber ich habe es geschafft. Dieses Gefühl ist für mich wichtig und motivierend.

 

Obwohl unsere Straße nach wie vor grundsätzlich abgesperrt bleibt, haben wir die Erlaubnis des Poliers erhalten, dass wir, um mit dem Auto in unseren Hof zu kommen, eine bestimmte Absperrung  jederzeit öffnen dürfen, wenn wir sie unmittelbar nach Durchfahrt wieder schließen. Das ist für uns eine gut praktikable Lösung.

Vier Tage nach der letzten Gabe geht es mir so richtig gut. Die Nebenwirkungen sind unverändert und belasten mich nicht mehr wirklich. Ich habe mich mit ihnen abgefunden und damit ist es für mich gut. Außerdem kamen gestern mein langjähriger Kollege und guter Freund mit seiner lieben Frau zu Besuch. Für mich immer ein ganz besonderes Highlight. Wir haben uns viele Jahre das Büro geteilt und wenn man es genau nimmt, haben wir wahrscheinlich mehr wache Zeit miteinander verbracht als mit unseren Frauen.  Wir haben uns immer gut verstanden. Das rechne ich ihm hoch an, denn ich bin nach meiner Einschätzung bei der Arbeit bestimmt kein einfacher Mensch gewesen. Es hat uns sehr gutgetan, mit den beiden über alte Zeiten und auch das aktuelle Geschehen zu schwätzen. Man konnte einfach mal alle Sorgen beiseitelegen und einen unbeschwerten Nachmittag verbringen.

Heute ist Mittwoch, der sechste Tag nach der fünften und damit auch der letzte Tag vor der sechsten Gabe der dritten Therapie. Morgen früh fahre ich dann wieder nach Frankfurt in die onkologische Ambulanz. Die meisten Nebenwirkungen sind auf einem niedrigen Niveau. Leider gilt das nicht für das Augentränen, den Rücken und die dicken Beine. So dick wie heute waren meine Beine bisher noch nie. Dabei nehme ich seit mindestens zwei Wochen die Wassertabletten täglich. Natürlich ist das alles auszuhalten, aber ich frage mich schon, woher das kommt. Ich hoffe jetzt erst einmal, dass sich das Wasser auf die Beine beschränkt und nicht wieder in die Lunge geht.

 

Außerdem verspüre ich in den letzten Tagen so ein unangenehmes, aber noch nicht besonders starkes Gefühl, als wenn die Therapie mein Herz belasten würde. Thematisch würde das zu dem Wasser in den Beinen passen, das unter Umständen auf eine Herzschwäche hindeuten könnte. Ich werde das jedenfalls morgen mit dem Arzt besprechen. Ansonsten geht es mir im Großen und Ganzen gut. Insgesamt habe ich immer noch das Gefühl, dass sich mein Körper ganz langsam etwas erholt.

Der Tag, der so ganz anders verlief ...

Der Tag der sechsten Gabe der neuen Therapie verlief letztendlich ziemlich anders als erwartet. Die Fahrt mit dem Taxi vom Fahrdienst am frühen Morgen hat wunderbar funktioniert. Den Fahrer hatte ich schon öfter. Ein sehr netter Mensch. Mit ihm kann man sich wunderbar unterhalten. In Frankfurt angekommen ging es zuerst in die Apotheke zum kostenlosen Schnelltest. Seit Ungeimpfte nur noch mit Schnelltest in die Ambulanz dürfen, ist dort jeden Vormittag ziemlich Betrieb. Das dauert mit Warten knapp eine halbe Stunde. Dann gehts rüber in die Ambulanz. Auch da war wieder mächtig Betrieb. Alleine für die Anmeldung musste ich schon über eine viertel Stunde warten. Danach warten bis zur Blutabnahme. Auch das dauerte heute ungewöhnlich lange. Danach ziehe ich mich normalerweise in einen separaten Wartebereich im ersten Stock zurück. Dort geht es etwas ruhiger zu und ich falle mit meiner nicht medizinischen Maske nicht so auf.

 

Aber heute sollte das nicht sein. Noch bevor ich mich hinsetzen konnte, kam schon die Durchsage, dass Herr Dittrich doch bitte zur Anmeldung kommen solle. Diese Durchsage kommt, wenn der Arzt zum Gespräch bittet. Da hatte ich erwartet, dass es bis zum Nachmittag dauern könnte. Und heute ist das Gespräch inklusive Ultraschall der Lunge und EKG schon um kurz nach 10 Uhr vorbei. Alle Achtung. Die Ultraschalluntersuchung hat ergeben, dass in der Lunge kaum Wasser ist. Deshalb gab es auch keine Punktierung. Das EKG war vollkommen unauffällig.

 

Außerdem hat mein Arzt beschlossen, dass ich, da ich die Therapie anscheinend sehr gut vertrage, vor der nächsten Pause erst noch eine weitere Gabe bekomme. Also werde ich nächsten Donnerstag wieder nach Frankfurt fahren.

Bis dann die Therapie kam, dauerte es diesmal heftig lange. Erst kurz vor 14 Uhr war sie da. Gegen 14.45 Uhr habe ich mich dann vom Taxi abholen lassen. Und da kam dann der absolute Hammer des Tages. Ich habe gedacht ich falle vom Glauben ab. Kaum eingestiegen fragt mich der Fahrer doch tatsächlich, ob ich ein Problem damit hätte, dass ein weiterer Fahrgast mitgenommen werden soll. Wohl von einer Unfallklinik, aber das ist ja letztlich völlig egal. Wie kann denn, gerade in der heutigen Zeit, ein Krankenfahrdienst nur auf die Idee kommen, zu einem Chemotherapie-Patienten noch einen völlig Unbekannten in ein enges Taxi setzen zu wollen? Die haben ihren Beruf irgendwie nicht verstanden. Ich kämpfe seit 1 3/4 Jahren um mein Überleben und soll mir nach der Therapie, wenn das Immunsystem am schwächsten ist, einem unnötigen Risiko aussetzen. Ich habe mein Unverständnis sofort gegenüber dem Fahrer kundgetan und dann selbst in der Fahrdienstzentrale angerufen um dort verständlich  zu machen, dass ich so etwas nicht dulden werde.  Sollte sich so etwas wiederholen, werde ich mich wohl nach einem anderen Fahrdienst umsehen müssen.

Heute haben wir Sonntag und damit den dritten Tag nach der sechsten Gabe der dritten Therapie. Da es  nichts Neues zu berichten gibt, mache ich heute eine kleine Bestandsaufnahme. Die Taubheitsgefühle in den Füßen sind seit Monaten unverändert, ebenso das Tränen der Augen. Ohne meine Laborbrille gehe ich schon lange nicht mehr vor die Tür. Ich habe mir sogar noch eine Skibrille besorgt. Die liegt etwas angenehmer am Gesicht an. Das Nasenbluten ist fast vollständig verschwunden. Das ist sehr angenehm. Endlich mal befreit die Nase putzen, ohne dass es gleich aussieht wie beim Schlachter. Nach wie vor benötige ich sehr viel Schlaf. Grob geschätzt verbringe ich etwas mehr als die Hälfte des Tages im Bett. Allerdings nicht am Stück. Tagsüber sind die Ruhephasen meistens zwischen ein und zwei Stunden, nachts meistens zwischen drei und fünf Stunden. 

 

Am meisten ärgern mich im Moment mein Rücken und die sehr dicken Beine. Die Rückenschmerzen habe ich zwar nicht ununterbrochen, aber wenn, dann sind sie schon sehr lästig. Die dicken Beine habe ich rund um die Uhr. Die Fußbäder, die ich mache, bringen immer nur kurz etwas Erleichterung. Insgesamt bin ich mit meinem Zustand aber sehr zufrieden. All diese Zipperlein sind gut zu ertragen. Ich frage mich immer wieder, womit ich das verdient habe, dass ich nicht wirklich leiden muss. Dafür bin ich zu Tiefst dankbar.

Da sich mittlerweile abzeichnet, dass AdBlue, ein Additiv, das heutzutage fast jedes Dieselfahrzeug zwingend benötigt, um betrieben zu werden, bald nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht, habe ich angefangen, etwas Vorsorge zu betreiben. In den Medien kommt das Thema nur langsam an die Oberfläche, aber wenn man verschiedene Investorseiten für Aktienanleger verfolgt, merkt man sehr schnell, wie brisant dieses Thema ist. Unsere gesamte Versorgung ist davon abhängig. Wenn ihr ein Dieselfahrzeug habt, stellt euch darauf ein, dass es bald Zeiten geben kann, in denen die Abgabe von AdBlue an Privatpersonen eingeschränkt werden könnte. Das Transportwesen, die Polizei und Rettungsfahrzeuge werden mit Sicherheit bevorzugt. Wie lange dieser Engpass anhalten kann, weiß niemand. 

 

Da dadurch eventuell auch meine Therapie beeinträchtigt werden könnte und ich festgestellt habe, dass es bei den von mir verwendeten Nahrungsergänzungsmitteln immer häufiger vorkommt, dass sie für einige Zeit nicht lieferbar sind, lege ich mir jetzt Vorräte an. Ob ich damit dann tatsächlich eine Lücke in der Therapie schließen kann, weiß ich natürlich nicht, aber versuchen werde ich es auf jeden Fall. Sollte es nämlich wirklich so weit kommen, wird es im Fall der Fälle auch keine vernünftige Sterbebegleitung für mich geben.

Wäre heute mit dem sechsten Tag nach der 6. Gabe nicht ohnehin der Tag vor der 7. Gabe, würde ich heute nach Frankfurt in die Klinik fahren. Ich entwickele mich zusehends zu einem Michelin-Männchen. Die älteren unter den Lesern erinnern sich bestimmt an diese sympathische Werbefigur. Meine Beine sind in den letzten Tagen immer dicker geworden und heute fängt auch noch der rechte Arm an. Es ist so heftig geworden, dass jede Bewegung schwerfällt und spannt und mir dadurch sogar das Schlafen erschwert wird. Leider habe ich bisher keine wirklich gute Idee, was ich dagegen tun könnte. Ich bin sehr gespannt, welche Maßnahmen mein Arzt vorschlagen wird. Jedenfalls würde es mich sehr freuen, wenn wir es schaffen, dass ich nicht bald platze.

Heute war wieder Therapie angesagt. Das war bereits die 7. Gabe der neuen Therapie. Damit haben wir die ursprünglich angepeilte Systematik von drei Wochen Therapie und zwei Wochen Pause endgültig über den Haufen geworfen. Was heißt wir. Mein Arzt hat das getan. Ich werde schon nächsten Donnerstag die 8. Gabe bekommen. Kurz danach soll das erste Kontroll-CT dieser Therapiereihe folgen. Er möchte anscheinend zügig wissen, ob die Therapie auch gegen die Tumore wirkt. Mir gefällt das. 

Es gab heute aber noch mehr zu besprechen. Neben den extrem dicken Beinen und mittlerweile einem immer stärker anschwellendem rechten Arm habe ich am Hals eine Stelle, die plötzlich sehr empfindlich auf Druck reagiert. Sofort bei Inaugenscheinnahme hat mein Arzt eine Thrombose vermutet. Die Ultraschalluntersuchung, die er sofort veranlasst hat, hat dies auch bestätigt. Da ich mir nicht jeden Tag selbst eine Thrombosespritze geben möchte, muss ich jetzt täglich eine Tablette zur Blutverdünnung nehmen. In zehn Tagen findet dann eine Kontrolluntersuchung statt. Sollten sich die Symptome allerdings verstärken, soll ich sofort wieder erscheinen.

Trotz allem gehe ich sehr zuversichtlich in das Wochenende. Die Hingabe und Fürsorge, die ich in der Onkologie erfahren darf, und das egal ob vonseiten der Schwestern, Pfleger oder Ärzte, ist einfach atemberaubend. Gut Ok, ich sehe ein, mit meiner Krankheit war das nicht die beste Wortwahl. Sagen wir also lieber überwältigend.

Das erste Mal ...

Bevor hier irgendwelche Hoffnungen oder gar Befürchtungen aufkommen, dass ein alter Mann am Ende seines Lebens meint, irgendwelche Jugendsünden offenbaren zu müssen oder sich sonst irgendwie in der Vergangenheit verliert, die "Schlagzeile" soll nur, wie man heute so unschön sagt "Clickbait" sein. Dafür stehen die drei Punkte am Ende.

Nein, Spaß beiseite. Für mich ist heute ein besonderer Tag. Obwohl, so ganz richtig ist das auch wieder nicht. Eigentlich war die vergangene Nacht etwas so Besonderes, auch wenn ich das nicht sofort gemerkt habe. Ich benutze seit Jahren wegen meiner Schlafapnoe ein kleines Maschinchen. Dieses pumpt mir ganz leise und fleißig über einen Schlauch und eine Maske, ich sehe dann immer aus wie Tom Cruise in Top Gun (OK zugegeben, es gäbe passendere Vergleiche), Luft mit erhöhtem Druck ins Gesicht. Durch den von der Maschine erzeugten Luftstrom unterbleiben die ungewünschten Atemaussetzer. Ein netter Nebeneffekt meiner aktuellen Maschine ist, dass sie mir immer wenn ich sie ausmache, eine aktuelle Statistik anzeigt. Und jetzt kommts: Zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten habe ich mehr als 9, in Worten "NEUN", Stunden am Stück geschlafen. Genau sogar 9 Stunden und satte elf Minuten.

Ich fühle mich tatsächlich gut ausgeschlafen. Meine extrem dicken Beine haben sich in dieser Zeit spürbar entspannt. Hatte ich beim Einschlafen noch das Gefühl, dass der Druck so stark wird, dass das Wasserkesselchen doch bestimmt gleich anfängt zu pfeifen, so fühlen sie sich heute Morgen durchaus wieder erträglich an. Auch sonst fühle ich mich richtig gut. Das will ich aber mal nicht zu hoch hängen, denn bei dieser Therapie habe ich ja meist "am Tag danach" wegen des Cortisons einen kleinen Höhenflug.

Die Folgenacht folgte wieder alten Traditionen und war in die gewohnten Abschnitte aufgeteilt. Schade eigentlich. Heute ist Sonntag, der dritte Tag nach der letzten Gabe und ich schreibe aus dem Krankenhaus. Denn die letzte Nacht hatte es ganz besonders in sich. Gegen 2 Uhr in der Früh wurde ich wach und fühlte mich echt scheußlich. Mein Hals war an der Stelle der diagnostizierten Thrombose heftig angeschwollen. Gleichzeitig ist der rechte Arm so angeschwollen, dass ich ihn eigentlich nur noch kerzengerade halten konnte. Zusammen mit halbseitigen Kopfschmerzen war mir klar, das kann und darf so nicht bleiben. Aus schierer Angst vor einem Schlaganfall habe ich meine liebe Frau geweckt und wir haben die weitere Vorgehensweise besprochen. Mein Sohn und seine liebe Frau haben uns dann mitten in der Nacht nach Frankfurt in die Klinik gefahren. Ich wurde dort auf Station aufgenommen und werde jetzt ein paar Tage hierbleiben.

Aus medizinischer Sicht war meine Angst wohl etwas übertrieben, dafür aber menschlich gut nachvollziehbar. Ich hatte ganz klar und deutlich noch den Satz im Ohr "und wenn es schlimmer wird, kommen Sie sofort wieder vorbei". Mir wurde der rechte Arm jetzt bandagiert und die Blutverdünnung auf Heparin umgestellt. Außerdem habe ich mir das Thema Thrombose jetzt einmal richtig erklären lassen. Dadurch sind meine Ängste weniger geworden, bescheiden fühlt es sich dennoch an. Jedenfalls weiß ich jetzt, dass das Thema Thrombose für mich zum Dauerbrenner wird. Da sich das Blut nun erst einmal neue Bahnen innerhalb meines Körpers suchen muss, kann es sein, dass mir der angeschwollene Arm über Monate erhalten bleibt. Wir werden sehen.

Heute war der zweite Tag auf Station. Ich habe zwar nicht den Blick über die Skyline von Frankfurt, aber dafür auf den Autobahnrasthof Taunusblick an der A5 und den Taunus. Hat auch was, gerade jetzt, wo sich auch einmal die Sonne von ihrer besten Seite zeigt. Mir ist schrecklich langweilig. Gemacht wird mit mir gar nichts. Ich bekomme nur morgens den rechten Arm bandagiert und ein paar Medikamente. Wenn ich mich traue, werde ich mich morgen früh zum ersten Mal selbst spritzen. Mal abwarten. Auf jeden Fall werde ich morgen wieder nach Hause gehen. Der Aufenthalt hier bringt mir nichts mehr.

Dienstag, der dritte Tag auf Station 9 West fängt mit einem wunderschönen Sonnenaufgang an. Gestern Abend hat mir ein Pfleger noch verraten, dass es im 10 Stock eine Lounge für Patienten gibt, von der aus man wunderbar auf die Skyline von Frankfurt schauen kann. Außerdem gibt es dort eine Kaffeemaschine, die man wirklich auch als solche bezeichnen kann. Das musste ich natürlich noch vor dem Frühstück hin. Zur Visite kam die äußerst liebenswerte und immer gut gelaunte Frau Prof. Dr. Jäger höchst persönlich. Ich werde jetzt lernen müssen, mir jeden Morgen die Heparinspritze selbst zu geben und den Arm zu wickeln, bis ich einen entsprechenden Kompressionsstrumpf bekomme. Ansonsten bin ich entlassen und werde im Laufe des Tages das Krankenhaus wieder verlassen. Am Donnerstag komme ich dann wieder zur Therapie.

Wir haben Mittwoch. Gestern wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen und ich bin gerade ein bisschen stolz auf mich. Das hat mehrere Gründe. Das Wichtigste, ich habe mich eben zum ersten Mal alleine gespritzt. Es war überraschend einfach und wenn man es wirklich möchte, kostet es einen noch nicht einmal viel Überwindung. Das redet man sich anscheinend nur ein. Zumindest ist das jetzt meine Erfahrung. Die Zeiten, wo ich mich wegen allem verrückt gemacht habe, sind nun endlich vorbei. Auch im Krankenhaus, sogar als ich noch die Sorge wegen eines Schlaganfalles hatte, war mein Blutdruck im Bereich der Tiefenentspannung. Einmal hatte ich laut geeichter Krankenhaustechnik sogar nur 96 zu 86 bei einem Puls von etwas über 70. Gefühlt habe ich mich in diesem Moment wie immer. Panik überlasse ich also nach Möglichkeit anderen beziehungsweise hebe sie mir auf, bis ich das nächste Mal Atemnot bekomme. Dann ist es aber auch schlagartig mit der Tiefenentspannung vorbei.

Der nächste Grund, warum ich etwas stolz auf mich bin, ist, dass ich trotz extrem dicker Beine und leider auch wieder sehr schwerem Atem mich dazu überwunden habe, eine gute halbe Stunde mit dem Heimtrainer zu fahren. Es ist mir die ersten Minuten verdammt schwergefallen. Die Beine haben sich wegen des starken Druckes von innen kaum beugen lassen und mir drohte mehrfach die Luft auszugehen. Aber ich habe durchgehalten und wurde damit belohnt, dass die Beine zwar wehtun, aber ich jetzt wieder etwas besser gehen kann. Die Atmung habe ich nach einiger Zeit auch wieder besser in den Griff bekommen. Aber wenn ich morgen in der Ambulanz bin, um mir meine 8. Gabe zu holen, werde ich die Beine und die Atmung mit dem Arzt besprechen müssen.

Der rechte Arm ist immer noch geschwollen. Mal etwas mehr und mal etwas weniger. Gegen den Blutstau wegen der Thrombose werde ich einen Kompressionsstrumpf bekommen. Bis es so weit ist, bandagiere ich ihn. Auch da muss ich sagen, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Manchmal löst sich die Bandage schon wieder, da habe ich noch gar nicht fertig gewickelt. Aber auch das lerne ich noch.

Heute habe ich die achte Gabe der dritten Therapie bekommen. Alles lief wie gehabt. Der Fahrdienst hat mich pünktlich abgeholt und nach Frankfurt gebracht. In der Onkologie habe ich mir bei der Anmeldung auch ein Arztgespräch gewünscht. Der Zustand meiner Beine ist unerträglich geworden. Da ist schnelle Abhilfe erforderlich. Auch die Atemnot werde ich ansprechen müssen. 

Meine Decke, die ich vorsichtshalber immer dabei habe, konnte ich über ein Höckerchen legen und dann meine Beine zum Warten hochlegen. Nicht ideal, aber wesentlich besser, als normal zu sitzen. Der Arzt kam relativ zeitig zum Gespräch. Die Beine musste er nicht großartig untersuchen, um zu sehen, was da los ist. Ab sofort wird die Dosis der Wassertabletten verdoppelt. Gleichzeitig hat er mir eine Lymphdrainage verordnet. Sobald das gemacht ist, kommt dann das Thema Kompressionsstrümpfe auf mich zu.

Beim Ultraschall hat er dann festgestellt, dass in der linken Lunge nur wenig und in der rechten Lunge noch nicht übermäßig viel Wasser ist. Da ich aufgrund meiner verschlechterten Leberwerte trotz Therapiepause nächsten Donnerstag zur Kontrolle kommen soll, wollte er die Lunge heute lieber noch nicht punktieren. Die Chancen, dass das Wasser durch die Wassertabletten zurückgeht, sind gut. Der Bauchraum ist glücklicherweise ohne Wasser.

Die erhöhten Leberwerte führt er auf die innohep-Spritzen zur Blutverdünnung zurück. Er hat mir deshalb jetzt andere Spritzen verschrieben, die ich mir dann ab morgen selber geben darf. Nächsten Donnerstag wissen wir dann, ob er recht hatte.

Jetzt ist es an mir, schnellstmöglich einen Physiotherapeuten zu finden, der die Zeit hat, mir die verordnete Lymphdrainage angedeihen zu lassen. Bin mal echt gespannt, wie schnell das geht.

Schon nach wenigen Telefonaten kann ich jedem, der einen zukunftssicheren und stark gefragten Beruf such t nur empfehlen, Physiotherapeut zu werden. Die ersten regulär freien Termin sind im Moment nirgends vor Januar zu bekommen. Das ist mir natürlich ein bisschen zu lang, aber derzeit wohl kaum zu ändern. Ich versuche es also weiter von Praxis zu Praxis. Vielleicht habe ich ja Glück.

Glücklicherweise ist heute, am Tag nach der 8. Gabe der 3. Therapie, der schlimmste Druck in den Beinen etwas besser geworden. Das habe ich der Verdoppelung der Wassertabletten und Brennnesseltee zu verdanken. Aber auch so kann es unmöglich länger bleiben. Die anderen Nebenwirkungen sind völlig in den Hintergrund getreten. Nicht weil sie besser geworden wären, sondern weil sie vergleichsweise unbedeutend sind. Selbst das schwere Atmen belastet mich im Moment weniger als die Beine. Der Hals mit der Thrombose hat sich aus meiner Sicht etwas beruhigt. Das Tränen der Augen bleibt aber unverändert stark und ist bei den derzeitigen Temperaturen draußen gefühlt eher etwas heftiger.

Heute Morgen habe ich mir das erste Mal das neue Präparat zur Blutverdünnung selbst gespritzt. Die Spritzen sind etwas anders konstruiert, lassen sich aber genauso einfach verwenden. Das, zusammen mit der leichten Besserung bei den Beinen, nehme ich heute zum Anlass, mich zu freuen und glücklich zu sein. Außerdem hatte ich heute ein wunderschönes Telefonat mit einer ehemaligen Kundin. Ein weiterer Grund, sich trotz allem rundherum gut zu fühlen und zu freuen.

 

Meine liebe Frau und ich waren heute im Sanitätshaus. Ich habe mir dort den rechten Arm vermessen lasen, um die Kompressionsstrümpfe für den Arm zu bestellen. Das ging recht zügig. In zweierlei Hinsicht. Einerseits war die junge Frau im Sanitätshaus nicht nur freundlich, sondern auch recht flott. Andererseits habe ich mit den Beinen ein kleines Klamottenproblem. Seit einigen Monaten friere ich sehr schnell und bei diesem Wetter kann ich ohne lange Unterwäsche eigentlich nicht rausgehen. Aber mir passt nichts mehr an den Beinen und Füßen. Mit viel Mühe bekomme ich gerade so eben eine Hose über die Waden und Oberschenkel. Selbst mit den Schuhen gibt es Probleme. Ich kann im Moment nur ein einziges Paar wirklich anziehen, aber auch nur, weil es mit einem Klettverschluss mit langen Bändern geschlossen wird.

Nur Du entscheidest mit Deinen Gedanken,  welcher Tag für Dich gut wird.

Wenn's nicht klappt: Ersatzlink

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Bilder aus dem November 2021

Jeden Tag geschehen Wunder. Wir müssen sie nur zulassen.